Der leere Sockel
Der leere Sockel
Der Roman erzählt die Geschichte des Historikers Erich Hedinger, der an einem Manuskript mit dem Titel „Die Schweiz stirbt“ schreibt und dabei eine völlige Blockade erlebt. Die Krebsdiagnose seines Arztes macht ihm bewusst, dass es nicht die Schweiz ist, die sterben muss, sondern er selbst. Nach einem turbulenten Abend verbrennt er das Manuskript. Da kann er wieder schreiben: nicht die Geschichte der sterbenden Schweiz, sondern die Geschichte seines eigenen Lebens. Bern, Zürich und Paris sind die Schauplätze dieses Romans, in dem versucht wird, zwischen der 68er-Revolte und dem Fall der Mauer einen Bogen zu spannen und die beiden Ereignisse mit der Biographie des Protagonisten zu verknüpfen.
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ISBN 978-3-8311-0398-0, Paperback, 236 Seiten, Euro 14,80 / sfr. 26,70
Das Buch kann über den klassischen Buchhandel oder über den Internetbuchhandel bezogen werden.
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Erwin Messmer in der Schweizer Literaturzeitschrift „orte“:
Hans Mühlethaler. Der Name war mir schon mal irgendwo untergekommen. Ach ja, so hiess doch der langjährige Sekretär der Gruppe Olten. Aber gelesen hatte ich von ihm noch kein Wort. Wer kennt schon Mühlethaler! Dachte ich.
Ich dachte es, als er mir in einer Bar an der Rue Custine in Paris seinen Roman „Der leere Sockel“ schenkte. Ein Paperback. Books on Demand. Ich greife ungern zu solchen Editionen. Zudem sprach mich auch der Titel nicht besonders an. Wieder ein Buch mehr, das ich wohl kaum lesen werde. Ich nahm es und bedankte mich herzlich.
Das war vor einem Jahr. Vor einigen Tagen griff ich das Buch aus dem Regal. Eigentlich suchte ich ein anderes, fand es nicht, hatte es eilig, auf den Zug zu kommen und dachte, besser das als gar nichts zum Lesen.
Ich begann mit der Lektüre im Zug und las den Roman dann gleichsam in einem Zug, das heisst innerhalb weniger Tage. Bei jeder noch so kurzen Gelegenheit las ich weiter. Mich hatte der beste Bann getroffen, der einen Leser treffen kann: ich stand unter Lesezwang.
Ein grandioses Zeitgemälde! Ungeheuer facettenreich. Die 68er Bewegung in Zürich, das gutbürgerliche Bern heutiger und vergangener Tage, Paris heute und zur Zeit der Commune-Aufstände, die Geschichte des Marxismus-Leninismus, Lenin in Zimmerwald, der Fall der Berliner Mauer, die Geschichte des alten Bern, die Geschichte kleiner schweizerischer Aufstände wie z.B. desjenigen der Weinbauern zu Wilchingen gegen die Schaffhauser Obrigkeit, die Geschichte des Montmartre, Richard Wagners Flucht in die Schweiz, die Rezeptionsgeschichte seiner Musik, die Verstädterung der Schweiz illustriert am Fallbeispiel Oberwangen, die römische Nekropolis unter dem Autobahnteilstück Bern-Fribourg, die Entstehung der Alpen und noch vieles mehr an geschichtlich Wissenswertem und Relevantem wird hier in raffinierter Anordnung, mittels reizvoll gegliederter Zeit- und Handlungsebenen in eine äusserst spannende Story verpackt, deren roter Handlungsfaden sich in der Jetztzeit abwickelt. Marx, Lenin, Camus, Nietzsche, Henry Miller, Karl Barth liefern weltanschauliche Anstösse für den jungen Menschen, der sich während der 50er- und 60er-Jahre in diesem Leben und im Land namens Schweiz zurechtfinden muss, in einem Land, über das er in seinem letzten Buchprojekt unter dem Titel „Die Schweiz stirbt“ das Todesurteil fällt.
„Der leere Sockel“ (der Titel entpuppt sich treffsicher als Schlüsselbegriff) ist Entwicklungsroman, schildert den Werdegang eines mittelständischen Knaben aus Oberwangen im Kanton Bern, verfolgt seinen Werdegang bis in die Zeit der Haupthandlung, an deren Anfang der Ich-Erzähler, ein gescheiterter Historiker, nach Paris fährt, um dort zu sterben. Wer Bern und seine Umgebung liebt, wer Zürich in sein Herz geschlossen hat, vor allem aber: wer ein Kenner und Liebhaber von Paris und des Montmartre-Quartiers ist oder es werden möchte: für den ist das Buch ein Muss!
Handwerklich lässt es keine Wünsche offen. Die Charaktere sind lebendig und überzeugend herausgearbeitet, der sprachliche Duktus gibt sich souverän und fliessend, die Gliederung ist übersichtlich und spannungsfördernd, kurz: ein grossartiger Roman! Einer mit Kultbuchcharakter. Einer, der sich leicht liest und dennoch auch dem sprachlich und literarisch anspruchsvollen Leser von A bis Z das hellste Vergnügen bereiten dürfte.
Und nun die Frage: Warum ein Book on demand? Warum diese Publikationsform für einen Roman, der – sagen wir es einmal bescheiden – mindestens den Schweizer Schillerpreis verdient hätte? Mühlethaler erzählte mir damals in Paris, dass er in der heutigen Literaturszene out of interest sei (1968 erhielt er immerhin einen Literaturpreis des Kantons Bern, wie ich nun übers Internet erfahren habe), dass sich kein Verlag eines gealterten Autors, wie er einer sei, annehme, und dass ihn dies mittlerweile herzlich wenig kümmere. Hauptsache, er schreibe, wozu es ihn dränge (auch philosophische Bücher sind in seinem Werkverzeichnis zu finden), und er habe genügend Geld auf der Seite, um seine Bücher selber herauszubringen.
Mein Fazit: auf der einen Seite das geschwätzige Feuilleton in Zeitungen und elektronischen Medien, die so manch schmalbrüstiges Literaturbürschchen, so manches Fräuleinwunder hochjubeln, auf der anderen Seite ein grosser Autor, dessen Bücher in keiner Buchhandlung zu finden sind, geschweige denn in einer Zeitung erwähnt werden. Eine Groteske des zeitgenössischen Literaturbetriebs.

www.erwin-messmer.ch